Raus aus dem Proberaum - rauf auf die Bühne!

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Mo 13.04.2020 00:00Poetry ohne Slam - Leticia Wahl



Liebe virtuelle und reale Spaziergänger,


Auf den Wettbewerb und die Menschennähe müssen wir im Moment verzichten.

Texte von Poeten, die schon hier in der Bastion auftraten, dürfen wir dennoch genießen: virtuell auf Webseite und bei Facebook, in gedruckter Form auf der Plakatwand.

Wir bedanken uns herzlich bei den Poeten und Pierre Jarawan, der uns bei der Organisation dieser Aktivität unterstützt und wünschen Euch viel Freude an den Texten, die in loser Folge erscheinen werden.

Herzliche Grüße von Joa + Katrin – club bastion e.V.

 

Hier schon der erste Text von Leticia Wahl:

 

Er & Sie

 

Sie ist die Zeit, Er der Augenblick.

Sie ist sehr weit, Er eng gestrickt.

Sie heilt die Wunden, die Er hinterließ.

Sie zählt die Stunden. Er genießt.


Er wird vergehen, Sie sich weiterdrehen.

Erstaunlich, wie beide auseinander bestehen.

Kurzweilig, Er ahnt bisweilen, Sie wird kürzertreten.

Er wird dahinscheiden und Sie muss Ihn überleben.


Wieder und Wieder. Lidschlag um Lidschlag.


Die Trauer über dieses schwere Erben

streicht Schlieren in Ihr schlagendes Herz.

Manchmal würde sie lieber sterben In Ihm,

dieser Wonne, die sie so sehr begehrt.


Sie müsste nur aufhören, zu atmen,

dann stünde endlich alles still.

Doch die Zeit, die leben will,

kann den Augenblick vor Ihr nicht bewahren.


So atmet die Zeit den Augenblick ein.

Nimmt Ihn in Ihre Lunge auf.

Sie leuchten zusammen, schön und rein.

Bedingungslos und Federleicht.


Keine Farbe, keine Kontur,

kein Klang, kein Geschmack

könnte Ihn in Ihr

gebührend beschreiben.


Nichts berührt,

ergreift Sie

so sehr

wie Er.


Doch

Er kollabiert

in Ihren Fingern.

Immer wieder und wieder

Verlust.


Sie kann nicht,

kann Ihn nicht,

Sie kann Ihn nicht

halten.


Sie vergeht und Er durch Sie.

Eine Konstante, die beide teilen.

Ein Schicksalsschlag voll Ironie,

voll Lebenslust und sich erleiden.


So zeigt der Augenblick der Zeit:

wie man weint und sich verneigt,

wie man schweigt, still verzeiht,

daran blüht, wächst und gedeiht.


Nichts ist schneller.

Nichts ist flüchtiger.

Nicht berührt und ergreift

Sie so sehr

wie Er.


Er wird vergehen,

Sie sich weiterdrehen.

Erstaunlich, wie beide auseinander bestehen.

Sie ist die Zeit, Er der Augenblick.

Sie ist sehr weit, Er eng gestrickt.





Aus „Was dazwischen bleibt“ von Leticia Wahl Lektora- Verlag