Poetry ohne Slam - Philipp Potthast


Mir liegen Tiere am Herzen

Ort: Im WWW und auf der Plakatwand

Wort 

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Mir liegen Tiere am Herzen

Während du dir morgens seelenruhig dein Wurstbrot belegst
Bin ich am Schwitzen, weil ich engagiert am Gurkenhobel steh
Während dir es nach Geschnetzeltem und Braten gelüstet
Werden bei mir in der Küche Pastinaken gedünstet

Mein Vorratsschrank ist voll Quinoa und Couscous
Ein Beutel voll Chia ist für mich Wohlstand und Luxus
Wer kann so viel Nährwert vertragen?
Mann, ich mein es nicht pervers, wenn ich sage:
Ich ernähr mich von Samen

Frisches Obst ist meine Leidenschaft – yes!
Fleischkonsum für dich Schweinemast-Have
Du brauchst nur „Bifi“ sagen, um es dir mit mir zu verscherzen
Ich bin ein Flexitarier – mir liegen Tiere am Herzen

Doch nachts, wenn ich wachliege, weil mich der Hunger plagt
Da merke ich, wie es im Inneren an meiner Unschuld nagt
Da wächst in mir Verlangen, da nimmt ‘ne dunkle Macht Besitz von mir
Da werde ich von einer bösen Stimme infiltriert
Die ruft: Fleisch!

Und dann renn ich auf die Straße und dann stopf ich’s mir rein
Einen Döner, einen Burger, eine Bockwurst und nein
Es gibt wirklich nichts wovor ich jetzt noch stoppe, ich mein
Komm ich an einem vorbei, ess’ ich und ein komplettes Schwein

Ich habe Hunger und es geht nicht mehr weg
Ich will Hummer, Krabben, Hähnchen und Speck
Was genau ist mir einfach nur Latte
Ich renn mit Gabel in den Zoo und esse eine Giraffe
Einen Affen, einen Leguan, ein Zebra, ein Gnu
Kinder stehen daneben sehen regungslos zu
Ich rufe ihnen rüber: „Kids, aus der Bahn!
Sonst verschlinge ich euch auch noch mit Haut und Haaren!“

Lecker! Ich gehe zum Fleischer, scheiß auf den Bäcker
Von oben bis unten mit Blut bekleckert, ich sehe aus wie ein Vampir
Ich komme wieder zu mir, was ist grade passiert?
Ich seh’ mich um und denke: Fuck
Denn es ist alles voller Hack

Und mir wird klar:

Meine Tierliebe und dass hier überall Fetzen von Wurst rumliegen
Ist wie ein Irokesenschnitt – schwer unter einen Hut zu kriegen
Mein Puls rast und mein Bauch explodiert fast vor Schmerzen
Ich bin ein Flexitarier – mir liegen Tiere am Herzen

Philipp Potthast

Der club bastion e.V. beendet mit diesem Text die Reihe „Poetry ohne Slam“, um die neue Saison unter Corona-Verordnungen zu beginnen.


Wir danken dem Autor und Poeten Pierre Jarawan, der diese Reihe unterstützt und uns die Texte organisiert hat. Wir danken den Poeten für ihre Texte, die uns diese kleine kulturelle Abwechslung in der Zeit des unfreiwilligen Innehaltens gaben. Wir danken Euch Lesern für Eure Aufmerksamkeit.


Alle  Texte der Reihe „Poetry ohne Slam“ können weiterhin auf unserer Webseite in der Galerie aufgerufen und nachgelesen werden.


Joa & Katrin – club bastion e.V.

 

 

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